Vom Glück und Segen nicht allein zu sein

Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mir hilft in meiner Not.
Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mich erfüllt mit seinem Trost.
Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mich hält an seiner Hand.
Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mich leitet und begleitet
auf allen meinen Wegen – Tag und Nacht.
Sei gut behütet und beschützt.
Uwe Seidel (nach Psalm 21)

Wenn ich in den vergangenen Jahren jeweils zum Abschluss des Ehevorbereitungsseminars mit den Brautpaaren diesen Segenswunsch als Lied sang, dann hatte ich den Eindruck, dass es sie sehr berührte. Unmittelbar zuvor hatten sie sich gegenseitig gesegnet. Nun fasste dieses Lied noch einmal zusammen, was sie einander und auch für sich selbst so sehr wünschten: Nämlich  für das ganze Leben jemanden an der Seite zu haben, der einem  hilft in der Not, der einen tröstet, der einen an der Hand hält, der  einem ein treuer Begleiter auf dem Lebensweg ist.

Dies ist ja eine urmenschliche Sehnsucht. Schon ein Säugling schreit und sucht nach Geborgenheit und Trost im Arm seiner Mutter. Ein Kind braucht den Schutz und die Begleitung seiner Eltern, um sicher und ohne Furcht seine ersten Schritte in diese Welt gehen zu können. Ein Jugendlicher ist froh um seine Freundesclique, mit denen er auch Dinge besprechen kann, die er nicht unbedingt seinen Eltern sagen möchte. Und auch Erwachsene brauchen Menschen, die ihnen an der Seite stehen – in der Familie, im Freundes-, Kollegen- und Bekanntenkreis, um die Herausforderungen des Lebens zu meistern und Freud und Leid miteinander teilen zu können. Schließlich ist es ein großes  Geschenk, wenn ein Mensch am Ende seines Leben eine Hand  spürt, die ihm tröstend und begleitend über die Schwelle hilft,  deren Übertreten so unglaublich schwer sein kann.

Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst, niemand ist da, der mich hält an seiner Hand.
Es ist ein Glück und Segen, wenn man nicht allein ist im Leben. Das spüren besonders die, die plötzlich ganz auf sich gestellt sind. Wenn die Ehe zu Bruch gegangen, wenn der Lebenspartner verstorben ist oder wenn sich in der Not herausstellt, dass die vermeintlichen Freunde alle verschwunden sind. Wie oft habe ich bei meinen Besuchen in der Klinik Löwenstein davon gehört, dass Menschen, die eigentlich einen großen Freundes- und  Bekanntenkreis hatten, die bittere Erfahrung machten, dass keiner sich auch nur telefonisch meldete, seitdem sie so schwer krank geworden sind.

Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst, niemand ist da, der mich erfüllt mit seinem Trost.
Es ist die Botschaft der Heiligen Schrift, dass einer immer an unserer Seite ist: nämlich derjenige, der sich dem Mose offenbart hat, als der „Ich bin der Ich-bin-da“ – der Gott Jahwe. Von der Erfahrung der Nähe und Hilfe Gottes – selbst in Situationen, in denen sich Menschen von allen verlassen fühlten – erzählen zahlreiche Geschichten der Bibel und geben auch viele Psalmen Zeugnis. Sie zeigen aber ebenso, dass Menschen, die Gott in gewissen Zeiten als fern erfuhren, von dem tiefen Vertrauen erfüllt waren, dass er sich ihnen bald wieder mit seiner Liebe und Güte zeigen würde.

„Gott ist da. Es gibt jemanden, der dir beisteht in der Not, der dich tröstet, der dich behutsam hält in seiner Hand, der dich leitet und begleitet.“ Aus diesem Vertrauen heraus versuche ich seit mittlerweile 14 Jahren (davon 10 in unserer Gemeinde) meinen Dienst als Priester zu tun. Und es gehört zu meinen schönsten  Aufgaben, dies Menschen in unterschiedlichsten  Lebenssituationen und auf unterschiedliche Weisen zusagen und  zeigen zu können, vor allem im Gottesdienst, in der Feier der  Sakramente und im seelsorglichen Gespräch. Wenn Menschen  mir dann zurückmeldeten, dass sie dadurch wirklich Trost, neuen  Mut, neue Kraft und neues Vertrauen in die Nähe und den  Beistand Gottes gewonnen hätten, dann gehörte dies zu meinen  wertvollsten und beglückendsten Erfahrungen in meinem Dienst.

Ich selbst aber bin natürlich ebenso darauf angewiesen, dass jemand da ist, der mir Kraft und Halt gibt in meinem Dienst und in meinem ganzen Leben. Auch ich brauche Menschen, die mir etwas von der Nähe und Begleitung Gottes künden und erfahren lassen. So möchte ich am Ende meiner Zeit hier in unserer Gemeinde sehr herzlich allen danken, die mir Vertrauen geschenkt haben und denen ich Vertrauen schenken konnte. Ich danke denen, die meinen nicht immer einfachen Dienst als Priester und Pfarrer durch eine gute Zusammenarbeit oder auch mit ihrem Gebet mitgetragen haben. Ich danke denen, die mir Rückhalt und Ermutigung gegeben haben und mir geholfen haben durch positive Rückmeldungen, aber auch durch konstruktive Kritik. Ich danke denen, die mich nicht nur in meiner Arbeit, sondern auch einfach als Mensch wertgeschätzt und geachtet haben.

Keinen Tag soll es geben, an dem du sagen musst, niemand ist da, der mich begleitet.
Die guten Erfahrungen, die mir liebe Menschen hier geschenkt haben, werde ich in meinem Herzen mittragen, wenn ich im Herbst vom Weinsberger Tal ins Weissacher Tal ziehe. Und  ebenso die Menschen selbst, welche mir hier ans Herz gewachsen sind. Zumindest im Gebet bleiben wir weiterhin miteinander verbunden. Ihnen allen, liebe Gemeindemitglieder, möchte ich zum Abschied nichts anderes wünschen, als dass Sie auf Ihrem ganzen Lebensweg das Glück und den Segen erfahren, nicht allein zu  sein. Seien Sie von Gott selbst begleitet, gut behütet und beschützt! Möge er Ihnen immer wieder seine liebende Nähe  zeigen und möge die Gemeinde St. Johann Baptist Affaltrach immer auch ein Ort sein, an dem Menschen sich gegenseitig zeigen und erfahren lassen, dass er da ist.

Herzlichst

Ihr Pfarrer Thomas Müller

 

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